Freitag, 25. Juli 2014

Bretonengold

Die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren eine gesegnete Zeit. Wer mit seinem neuen Auto nach Frankreich in den Urlaub fuhr, musste, dem Katalysator sei Dank, kanisterweise bleifreien Sprit einführen. Denn flächendeckende Versorgung mit sans-plomb-quatre-vingt-quinze gab es nicht. War es da nicht selbstverständlich, sich auf den Weg zu machen, um im äußersten Westen des Landes nach Abenteuern zu suchen?

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« FR-29022 tasdepois01 ». Sous licence CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Im Morgengrauen durch Paris. Irgendwo hinter Le Mans war dann Schluss mit Lustig. Nach der letzten Zahlstelle hörte die A 81 einfach auf. Unglaublich. Muss man sich mal vorstellen! Und dann ging sie los, die wilde Jagd in die Bretagne mit dem dicken gelben Michelin-Atlas auf den Knien. Das Ziel klar vor Augen: Camaret-sur-Mer. Der letzte Außenposten der Zivilisation.

Ich wollte Taucher werden. Und wer Taucher werden will, genießt in Camaret-sur-Mer ein hohes Ansehen und wird nicht irgendwo untergebracht, sondern im Nautique Club Leo Lagrange - direkt am Hafenbecken. Das war einerseits gut - brauchte ich die Ausrüstung nicht weit schleppen. Andererseits gab es Mittag- und Abendessen immer bei Madame im Haupthaus des Clubs -, das auf einem ziemlich hohen Felsen thronte. Was eine Latscherei übelster Natur bedeutete.

Wie dem auch sei, ich hatte mich sorgfältig vorbereitet. Bei Rüdiger Nehberg hatte ich gelesen, dass er lange Waldläufe unternimmt, um sich fit für seine Expeditionen zu machen. Ich hatte mir noch endloses Schwimmtraining und Radfahrten vom Mitzwinkel durch das Bergische Land bis nach Hückeswagen on-top gegeben. Das war vielleicht eine übertrieben harte Vorbereitung, schon klar. Aber ich hatte gut daran getan, wie sich bald herausstellen sollte.

Um 7 Uhr hieß es: Wecken. Um 8 Uhr gab es Frühstück bei Madame zum Glück nicht im Haupthaus. Croissant, halbes Baguette, Salzbutter, rote Marmelade, gelbe Marmelade. Müslischale voll mit Tee oder Kaffee. Mehr braucht der Mensch nicht. Um 8:30 Uhr nahm ich Neoprenanzug, Flossen, Maske (Taucherjargon. Normale Menschen sagen Brille), 5-Kilo-Bleigürtel und Doppel-Pressluftflaschen in Empfang. Alles in allem gut und gerne 20 Kilo. Pünktlich um 9 Uhr schipperte uns Taucher irgendein Ralf aus Bergheim auf dem ehemaligen Fischkutter Paimpolaise raus in die raue See vor der Pointe de Penhir.

Es regnete, es war windig und es war arschkalt. Die Paimpolaise schaukelte gewaltig und dann sagte Ralf auch noch: "Ab ins Wasser mit Euch!" Wie jetzt? Wie sollte das denn gehen? Eine Leiter oder eine Badetreppe? - Fehlanzeige. Ehe wir uns versahen, kippte einer nach dem anderen rücklings von der Bordwand der Paimpolaise in die Fluten des - und ich sage es noch einmal, auch wenn Frauen und Kinder hier mitlesen - arschkalten Atlantik.

Konnte das gut gehen? Nicht lange. Denn dann betrat Hervé die Szene. Ein Kerl mit der Statur eines lupenreinen Berserkers. Wer in Brest zur Marine geht, gehört schon zu den harten Hunden. Hervé gehörte aber zu den ganz harten Hunden und war Kampftaucher geworden. Irgendwann hatte er dann die Lust an der Selbstqual verloren und wurde Moniteur - also Ausbilder im Club Leo Lagrange.

"Sähn Mal um die Bot rum. Dix fois. Ten times around sö boat, s'il vous plaît." Dazu machte er eine lässig kreiselnde Handbewegung und klatschte in die Hände. Und es war kein Selbstapplaus für die eigene Coolness, sondern sollte wohl die Schlagzahl andeuten, die er bei den Bootsumrundungen von uns erwartete.

Wasserwerferfahrer Holger aus Laatzen bei Hannover hatte sich nach runde sechs schon übergeben. Bei der Medizinisch-Technischen-Röntgenassistentin Cordula (alle sagen zu mir Cordel) aus Solingen-Grefrath hatte Hervé mit Bootsführer Ralf kurz gestritten, ob Luftunterstützung in Form des Rettungshelikopters, angefordert werden müsse, bis Cordula signalisierte, sie hätte das, was man in Solingen-Grefrath außer Atem nennt.

Mir ging es soweit gut. Ich hatte zwar beim Kipp von der Bordwand irgendwie ein Ventil der Doppel-Druckluftflasche ab bekommen, aber ich hielt mich munter und wunderte mich nur ein wenig über den eigentümlichen Geschmack nach leicht antrocknendem Blut im Mund, obwohl ich ja im Wasser war.

Die zehn Runden waren überstanden. Wir schmissen erst die Flossen an Deck der Paimpolaise und dann uns selbst. Keuchend, wie frisch gestrandete Schweinswale. Von Ferne tönte das Mittagsgeläut der Kapelle Notre-Dame-de-Rocamadur und Ralf nahm Kurs auf die Mole von Kameled, wie die waschechten Bretonen Camaret-sur-Mer zu nennen pflegen. Schließlich wartete Madame um kurz vor eins mit lecker Mittagessen - im Haupthaus.

Während wir so zurück dümpelten, drückte uns Hervé, irgendwie brach dann doch die väterliche Fürsorge bei ihm durch, Hennaf *die* bretonische Dosenwurst, Camembert und Baguette in die Hand. Wir mümmelten die eben verbrauchten Kalorien gemütlich wieder in uns rein, als plötzlich ein Korken knallte. "La trosième bouteille", murmelte Ralf. "Morgen seit ihr dran." Was wollte der Typ?

Kleine Weingläser - in Frankreich heißen sie Galopper - machten die Runde. Ausgeschenkt wurde ein Weißwein aus einer schlanken, ja fast eleganten grünen Flasche. Hellgelb mit einer ganz leichten Perlage. Ich kostete und schlagartig war der Geschmack von trocknendem Blut aus meinem Mund verschwunden. Holger dämmerte nach dem dritten Galopper an einem Fender vor sich hin;flötete den River-Kwai-Marsch. Cordel fing an, ausgerechnet mit Ralf zu flirten. Was war das für ein Teufelszeuch, das solche Wunder bewirken konnte?

Auf dem Felsen am Haupthaus angekommen, wartete Madame mit lecker Mittagessen. Schweinebraten. Schulterstücke. Leckere braune Soße, irgendwie mit Wein und Kräutern verfeinert. Grüne Bohnen in Salzbutter geschwenkt. Dazu rosa Kartoffeln. Sie würde nur die Sorte Francelin nehmen und nur dämpfen, nie kochen - wie Madame mir später verriet.

Auf dem Tisch standen riesige Kunststoffflaschen mit Dijon-Senft. Ralf schmierte zwei Scheiben Baguette damit ein und verdrückte sie pur - sozusagen als Vorspeise. Das wäre unheimlich gut, würde die Atemwege frei machen. Wäre wichtig für Taucher. Stimmte voll und ganz, sogar die Tränenkanäle wurden bei dieser Therapie ausgiebig durchgespült. Seither ist Dijon-Senf unverzichtbarer Bestandteil meiner Hausapotheke.

Zu Trinken gab es einen Cadet Roten von der Rhône. Ein Cadet hat das doppelte Volumen von einem Galopper, so rund 0,2. Elf Volumenprozent aus der Literflasche und jeder nur ein Glas. Darauf achtete Madame mit Argusaugen. War ja schließlich erst Mittagessen.

Zurück zum Hafen. Im Prospekt stand schließlich Tauch- und Segelurlaub. Selbstverständlich blies ein strammer Westwind. Selbstverständlich regnete es. Das es arschkalt war, habe ich schon erwähnt? Nuja, die Katamarane wurden ins Wasser geschleppt. Kleine Club-Regatte bis zur letzten Tonne der Hafeneinfahrt. Zwei Schrauben an der Pinne abgerissen. Sich vom Bootswart anbölken lassen und wieder zu Madame.

Kleine panierte Schinkenscheiben in Salzbutter angebraten. Diesmal weiße Bohnen. Abwechslung muss sein. Francelin begegnete uns auch wieder. Diesmal als Bratkartoffel mit Petersilie und Schalottenwürfeln. Der obligatorische Cadet wurde geleert und in einem unbeobachteten Moment mit der Flasche von Cordels Tisch nachgeschenkt. "Könnt Ihr haben. Mag den Rotwein nicht. Der ist mir zu trocken." Alles klar! Madame ist gerade beschäftigt.

Holger wollte früh ins Bett. Cordel und Ralf waren schon wer weiß wohin verschwunden. Ich brach zu einem kleinen Abendspaziergang auf. An der Runie über der Tas de Pois feierten irgendwelche Surfer am Lagerfeuer. Zumindest bis die Gendarmerie die illegale Versammlung im Naturschutzgebiet aufgelöst hatte. Mir wurden die Augen langsam schwer und ich schlenderte in den Hafen zurück zum Club-Haus.

Wenn man in Camaret zum Club-Haus will, kommt man unweigerlich an der Bar de la Criée vorbei. Es gibt keinen anderen Weg. Ich lukte durch die Scheibe. Hinter der Theke stand ein Oppa mit Kapitänsmütze und eine zierliche ältere Frau im Kittel. Wohl der Wirt und seine Gattin? Aber wer waren die beiden Gestalten, von denen ich nur die Rücken erkennen konnte? Potztausend! Das waren Kordel und Ralf. Beide am kichern und Ralfs Bootsführerflosse hatte schon den Weg in Cordels linke, hintere Jeanstasche gefunden.

Nix wie rein in die Bar de la Criée. "Na, Ihr habt ja Spass (mit Doppel-S ist das übrigens Revierdeutsch)", murmelte ich. "Ja", strahlte Kordel:"Und Rose und Jacques sind die liebsten Kneipiers der Welt." Na, dann Bonsoir, Rose und Jacques. So einen kleinen Galopper von dem  Weißen, den Ihr da habt, würde ich auch noch nehmen. Rose zog eine schlanke, grüne - ja fast elegante - Flasche aus der Kühlschublade, kippt den Galopper derart randvoll, dass ich das Glas nicht heben konnte, sondern den Berg darauf erstmal abschlürfen musste und dabei sowas wie "santé" stammelte.

Schon beim Schlürfen wurde mir schlagartig klar: Dieses blasse Gelb, diese leichte Perlage, das konnte nur das Zeuch sein, das es heute Morgen auf der Paimpolaise gegeben hatte. Das Elexir, das Holger aus seiner Agonie gerissen hatte. Der Liebestrank, der für das schnelle Glück zwischen Kordel und Ralf an Tag eins  des Urlaubs gesorgt hatte. Das Mescalin, das mich vom Geschmack des trockenen Blutes befreit hatte.

Ich tat das, was ein Mann in so einer Situation tun muss. Während Kordel und Ralf munter weiter turtelten, wandte ich mich an Jacques. "Qu'est-ce que c'est, Jacques?" - "Boof, ah, c'est le Muscadet. Ca ce boit, hein?" - "Muscadet, ca ce boit, mein lieber Onkel Otto! Ca ce boit!"

Wie ein Seifensieder ging mir nun auf, was das für eine dritte Flasche war, von der Ralf am Morgen gefaselt hatte, und das ich nun dran sei eine mitzubringen. Klar, die Flaschen eins und zwei hatten wir in Form der Pressuftflaschen auf dem Rücken und der Muscadet war Flasche drei - die troisième bouteille.

Am nächsten Morgen erkundigte ich mich dann während des Frühstücks bei Madame, ob denn der Sparmarkt im Hafen wohl diesen Muscadet führen würde. "Monsieur, tun Sie mir einen Gefallen und kaufen sie bloß nicht irgendeinen Muscadet. Der aus der Vendée taugt nichts. Achten Sie auf die schlanke Flasche. Von der Sèvre muss er sein. Und er muss sur lie, also auf der Hefe, ausgebaut sein. Nur dann hat er das leichte Prickeln. Im Idealfall bilden die Bläschen das collier des bulles. Eine Perlenkette am Glasrand."

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"Sur lie Muscadet" by Agne27 - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Seit vielen Jahren schleppe ich nun keine Kanister mehr mit bleifreiem Benzin nach Frankreich rein, sondern gleiche Volumina an Muscadet (selbstverständlich sur lie) raus.

Prost!

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